AIDS-Seelsorge Hamburg

Stolperstein für Carls Bruns

Textbeitrag Carl Bruns:

Der Fall Bruns und Roth
Lange Zeit war Carl Bruns’ Schicksal für seine Verwandten ein Tabu. Zu sehr war es mit Scham behaftet, dass ein Familienmitglied aufgrund seiner Homosexualität zum Opfer des NS-Regimes geworden war. „Er ist ins Gefängnis gekommen, weil er als Textilkaufmann so viele Kontakte zu Juden hatte“, war die Begründung dafür, dass er den Krieg nicht überlebt hatte. Erst als Bruns’ Schwester vermutete, dass ihr Enkel Wolfgang Schreiber (Jg. 1957), ebenfalls homosexuell veranlagt sein könnte, brach sie gegenüber ihrer Tochter das Schweigen. Schreiber: „Als ich klein war, versuchte meine Oma mich vor ‚Männern mit Kettchen’ an Bahnhöfen zu warnen. Wahrscheinlich wollte sie mir das Schicksal ihres Bruders ersparen.“ Als er 1986 sein Coming-out gegenüber seinen Verwandten hatte, sprach seine Tante mit ihm über seinen homosexuellen Großonkel. Daraufhin nahm er, der heute als offen schwuler Mann in Amsterdam lebt, die Nachforschungen über Bruns’ Schicksal auf.

Carl Bruns wurde am 10. Februar 1885 in Hollerdeich bei Stade geboren. Nach dem Besuch der Dorfschule machte er eine kaufmännische Lehre, arbeitete seitdem in der Textilbranche als Kaufmann und zog später nach Hamburg. „Meine homosexuelle Veranlagung hat sich erst während des Weltkrieges richtig entwickelt“, so Carl Bruns 1942 im Verhör.
Vielleicht hatte er seinen späteren Geschäfts- und Lebenspartner Otto Schildt (1882–1943) im Krieg kennen gelernt, denn bereits im September 1919 wurden sie Geschäftsführer, ab 1927 Inhaber des Tuchlagers Welzien & Co am Neuen Wall 103. Sie zogen im April 1933 gemeinsam mit Bruns’ Mutter in eine 8-Zimmer-Wohnung in der Papenhuder Straße 32.

1929 hatte Carl Bruns den Fotografen Heinrich Roth (1907–1945) im Homosexuellen-Lokal Goldene 13 in der Koppel kennen gelernt und mehrere Jahre lang ein Verhältnis mit ihm gehabt. 1936 gerieten sie in die Fänge der Verfolger. Bruns wurde zu vier Monaten und zwei Wochen Gefängnis verurteilt, Roth zu acht Monaten Gefängnis. 1942 wurde Bruns erneut vom Amtsgericht Hamburg wegen Vergehens gegen § 175 zu  einem Jahr Gefängnis bestraft. Nach der Strafverbüßung wurde er der Polizei überstellt, in „Vorbeugehaft“ genommen und ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Auf dem Todesmarsch Ende April 1945 ist Carl Bruns ums Leben gekommen.

Heinrich Roth starb am 3. Mai 1945 beim Untergang der Cap Arcona. Zuvor wurde er nach zwei Jahren Zwangsarbeit in den Emslandlagern, zunächst ins KZ Sachsenhausen, später ins KZ Neuengamme verbracht.

Für Bruns und Roth wurden im April dieses Jahres Stolpersteine vor ihren Wohnungen in der Papenhuder Straße 32 und am Steindamm 91/97 verlegt. Die Patenschaft für Bruns übernahm der SLW Hamburg e.V. (Schwul-Lesbischer Wirtschaftsverband). Michael Scheler, der Pate von Roth: „Da ich die künstlerischen Nachlässe der schwulen Fotografen Herbert List und Max Scheler betreue, war mir klar, dass ich für den ermordeten Hamburger Fotografen Roth einen Stolperstein stifte. Er soll mich daran erinnern, dass es viele Schwule gegeben hat, die dem Terror des Dritten Reiches nicht entkommen konnten.“ Eine Einweihungsfeier für die Stolpersteine mit Bischöfin Maria Jepsen findet am 19. Juni, 11 Uhr, in der Papenhuder Straße 32, statt.

Autor: Bernhard Rosenkranz

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